Den Tatort wird es geben 
 

Mehr als nur einmal wurde ich gefragt, was mich das Grab denn anginge, ich hätte doch nicht geschossen. Stellen sie sich vor, sie haben einen Garten geerbt. Aus ihrer ganzen Familie lebt niemand mehr. Sie bekamen erzählt, dass jemand auf dem Gelände begraben sei. Würden sie den Garten verkaufen, ohne der Geschichte nachzugehen? Würden sie handeln, als sei nichts geschehen? Würden sie den Käufern nicht sagen: Da liegen Menschen begraben? Wären sie in Lage, das Grab, wie mir eine Frau riet, halt weitergeben? Wären sie an meiner statt in der Lage, anders als ich zu handeln? Anders als ich zu träumen?

Es kamen Menschen von weither, sie trieben einen Teil der Bewohner im nahegelegenen Städtchen aus ihren Wohnungen aus. Sie brachten sie nach Birkenau. Zum Schluss, einen Monat vor der Befreiung, haben die Ankömmlinge die letzten, soweit ich weiß, die sich versteckten und lebten, erschossen. Sie nahmen die Leichen nicht mit. Sie ließen sie bei uns liegen. Ich erzählte vom Grab vielen Menschen. Ich erzählte einer Freundin davon.

Ihrem Pass nach stammte sie aus dem Volk derjenigen, die schossen. Sie fragte sich selbst: Was würde ich tun, würde ich so ein Grab erben? Sie sagte: "Ich würde es verschenken." Laut jüdischen Gesetze heißt es, soweit ich weiß, einerseits, die Überreste verstorbener Juden dürfe man nicht wieder herausnehmen.  Andererseits wird gesagt, man solle sie in die geheiligte Erde, auf einen jüdischen Friedhof, versetzen. Manchmal denke ich für mich nur und jenseits jeglicher Gesetze: Am liebsten würde ich die Überreste einpacken, das Ganze an die Enkelkinder derer, die schossen, abgeben. Meinen Geburtsort kann ich nicht ändern. Den Tatort kann ich nicht entfernen.

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