Nur ein paar Worte

Auf einer Plattform, auf der ich neu war, machte ich eine Autorin auf einen Tippfehler aufmerksam, indem ich einen Kommentar schrieb. Ich kannte es von einem anderen Ort, dass die Autoren sich gegenseitig über die Tippfehler via Kommentare informierten und sich für die Hinweise bedankten. Macht jemand  die Tippfehler nicht? Der Text liest sich nach der Korrektur besser, sieht schöner aus, da in einem Kunstwerk ja manchmal ein einziger Punkt viel bedeutet, auf zartrosa oder eine andere Fläche gesetzt.

Infolge meiner Tätigkeit wurde ich zweimal wegen des Mangels an Respekt ermahnt. Sowohl die Verwaltung der Plattform, als auch die Autorin, schrieben mir, ich hätte eine private Nachricht schicken sollen, keinen Kommentar. Ich erklärte, ich sei selbstverständlich damit einverstanden, in Zukunft eine Privatnachricht in solchen Fällen zu schicken. Die Verwaltung schrieb mir zurück, auf der Plattform sei Respekt sehr wichtig, was mir gefiel. Ein paar Tage später erklärte die Gemeinschaft eine Geschichte, die ein vulgäres Wort im Titel enthielt, zur Geschichte des Tages, und zwar mit unvergleichlich mehr Stimmen als sonst. Ich bat die Verwaltung, mein Konto zu löschen. Anders als die Leitung eines Postamtes schien die Verwaltung der Plattform für Literatur zwischen dem Respekt und der anständigen Sprache keinen Zusammenhang zu sehen.

Auf einer anderen Plattform wurde eines Tages ein Gedicht unter dem Titel "Ein Schweineleben" veröffentlicht. Die Leser verliehen ihrer Begeisterung Ausdruck in den Likes, in der Zahl der Aufrufe und in den Kommentaren. Ich wurde stutzig. Der Autor trat unter dem Namen Abraham plus eine Zahl in der Gemeinschaft auf. Ich versuchte ihn in meinem Kommentar darauf aufmerksam zu machen, dass sich das Gedicht als problematisch erweisen könnte, da es sich um ein unreines Tier handelt, dessen Bezeichnung er in vollem Umfang schrieb und sich gleichzeitig Abraham nannte.

Ich war dabei, als eine Frau das Wort Schwein in einer jüdischen Gemeinde sagte, worauf sie gleich flüsterte: Mach die Tür zu, sie meinte die Tür zur Verwaltung. Ich sprach das Wort in einer jüdischen Gemeinde nie aus, und sonst sehr selten ab einem gewissen Zeitpunkt. Im Haus meiner Großeltern lebten zwei Juden eine Zeitlang. In dem Haus lebte auch mein Großonkel, der eines Tages in wenigen Worten von der Erschießung zweier Juden am Waldrand meiner Großeltern erzählte. Ich vermute, es waren dieselben. Ausdrücklich gefragt habe ich ihn nie. Ich kann mich aber daran gut erinnern, als mein Großonkel sagte, wo sie in unserem Haus Richtung Osten beteten, vor einer weißen Kachelwand. Er sagte, während ein Jude betete, darf er gewisse Worte nicht hören, geschieht das, muss er sein Gebet von vorne anfangen. Die Vorschrift galt, soweit ich weiß, bereits damals in nicht allen Gemeinden, in manchen aber schon. Mein Großonkel sagte nicht, wer das war, doch jemand aus der Familie sagte manchmal absichtlich das Wort, fragte, ob die Tiere gefüttert seien, um die Juden dazu zu bringen, das Beten von vorne anzufangen. Und sie zu reizen?

Ich weiß, dass es zwischen dem Gebrauch der Vulgärsprache und den Störungen im Bereich des geschlechtlichen Lebens, der Ausscheidung und der Ernährung einen Zusammenhang gibt. Die gesundheitlichen Gründe für die Unterteilung der Lebewesen in die unreinen und reinen sind mir nicht bekannt. Das Gewebe des Schweinefleisches sei dem Gewebe des menschlichen sehr ähnlich und diejenigen, die das Fleisch essen, seien für spirituelle Botschaften weniger empfänglich, habe ich mal gelesen. Ich kann es weder bestätigen noch verneinen. Anderen gefiel das Gedicht "Ein Schweineleben" sehr, sie lachten, mich erinnerte es an Holocaust.

Manche Polen versteckten Juden nicht in einem Keller oder in einer Erdkuhle, wie mein Großonkel, sondern in Ställen. Oben schliefen Schweine und unten in mit Brettern zugedeckten Erdkuhlen Menschen. Der Grund war, dass Schweine und Menschen sehr ähnlich schnarchen. Jemandem, der nachts zufällig oder auch nicht im Dorf unterwegs war, fiel das Schnarchen der Menschen im Stall nicht auf. Das Leben der ganzen Familie, falls es rausgekommen wäre, dass jemand Juden versteckte, war dank der Tiere weniger gefährdet, denn erschossen wurden ganze Familien.

Beim Lesen des Gedichtes "Ein Schweineleben" sowie der Kommentare, erinnerte ich mich an den Holocaust und die oftmals gehörten Antworten der Deutschen: Was geht mich das an? Eine solche Antwort durfte ich sogar per E-Mail schriftlich bekommen. Ich weiss derartige Antworten wegen ihrer Harmlosigkeit zu schätzen. Ich darf ja die Räumlichkeiten eines Kulturamtes wegen der Erwähnung der Erschießung am Waldrand meiner Großeltern nicht mehr betreten.

Das Lachen der Leser des Gedichtes "Ein Schweineleben", erinnerte mich an einen deutschen Ausdruck, er lautet: "polnischer Haushalt". Dem steht der Ausdruck "deutsches Feingefühl" im Polnischen entgegen. Ich litt als Kind unter Sauberkeitserziehung sehr, musste Fransen eines Teppichs kämmen und in Deutschland traf ich nie eine Frau, die das Essen so sauber zubereitete wie meine Mutter. Es liegt mir fern, allen Deutschen das Feingefühl absprechen zu wollen.

Mich erinnerte das Gedicht "Ein Schweineleben", das anderen lustig zu sein schien, an Holocaust, wie bereits gesagt. Es erinnerte mich an das geerbte Grab. Bei der Erinnerung leide ich jedes Mal kurz unter Schock, als sei es ein vulgäres Wort, als schieße jemand. Ich habe das Gefühl, etwas erstarrt in meinem Kopf, ich könnte weder kämpfen noch fliehen. Ich musste jetzt auch eine Pause im Schreiben machen. Erinnere ich mich an das Gedicht, habe ich einen Stall vor meinen Augen, oder auch viele, darin Schweineleben. Unterhalb des Bodens sind Menschen. Sie liegen, schlafen und schnarchen. Ich sehe sie vor meinem inneren Auge und ich weiß: Manche von ihnen werden überleben, teilweise dank der Unterstützung der unreinen Tiere via Schnarchen.

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