Nichtjüdisch

In der Stadt wurde eine neue Synagoge gebaut. Für mich wurde ein Hausverbot für die Synagoge erteilt. Es war zu Zeiten meiner Obdachlosigkeit. Der Rabbiner gab mir am Eingang zur Synagoge zu verstehen, dass ein mündlich ohne Begründung erteiltes Hausverbot gelte eigentlich nicht. Er schickte mich dennoch weg. Ich ging zu meinem kleinen Zelt, einer sogenannten Strandmuschel, die sich in Sträuchern unter Bäumen befand. Das Zelt war zum Schutz vor menschlichen Blicken mit schwarzen Müllsäcken umhüllt. Es nieselte. Ich legte mich im Zelt hin. "Raus mit dem Pack, dachte ich, egal wie". Ich wusste: Das Pack war ich, der Rabbiner war Mamas kleines Kind.

Acht Jahre vorher, in alten Gebetsräumen, ereignete sich etwas beinahe Gleiches. Es war ungefähr drei Monate her, nachdem mein Vater verstorben war. In der Synagoge sollte Jiskor, das jüdische Gebet für Verstorbene, beginnen. Zu jenem Zeitpunkt, es war Jom Kippur, jüdischer Versöhnungstag, hatte ich kein Hausverbot. Ich war im Gebetsraum drinnen. Ich dachte an die Leiche meiner Schwester, die ich vor damals vier Jahren zu Gesicht bekam, an die Umstände unter denen sie starb, an die Augenlider, die fehlten, an die sehr dunkle Farbe ihrer einst hellen Haut, und daran, dass es ihre Lippen bereits damals im Sarg nicht mehr gab, da sie dreiundachtzig oder achtundsechzig Tage vorher verstorben war. Ich dachte an meinen verstorbenen Vater und an die zwei Steine im Wald, die er an der Stelle, wo die zwei Erschossenen begraben waren, legte, ich dachte an die zwei Gewehre und an diejenigen, die dort schossen. Plötzlich hörte ich Worte: Sie müssen rausgehen! Sie! Sie! Ich hob meine Augen, nahm den gestreckten, auf mich gerichteten Zeigefinger einer Hand wahr. Ich sah den Zeigefinger der rechten Hand, den ganzen Arm der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde der Stadt, derselben Frau, die mir das Hausverbot für die Synagoge später mündlich und ohne Begründung erteilt zu haben glaubte. Ich vernahm Fragen verwunderter Frauen: Warum? Warum muss sie raus? "Sie ist nicht jüdisch!",  sagte die Frau. Ich ging hinaus. Später wurde mir mitgeteilt, dass am Jiskor jeder anwesend sein darf, es gebe keine Vorschrift im Judentum, die die Teilnahme am Jiskor nur für Juden erlaubt.

In meiner Geschichte "Jüdisch" skizziere ich den Vorfall im Rathaus bezüglich der Verwendung des Wortes "jüdisch" in der Bezeichnung meiner Galerie. Bevor die Leiterin des Kulturamtes mich die Galerie nicht jüdisch, sondern christlich-jüdisch oder deutsch-israelisch zu nennen hieß, fragte sie mich, ob die Gemeinde mit der Gründung der Galerie einverstanden sei. Ich sagte: "Der Rabbiner, ja, der Vorstand weiss ich nicht genau." Sie machte eine Grimasse, die den Ausdruck, der sich in ihrem Gesicht einzustellen suchte, verdeckte, und sprach die Frage der Bezeichnung der Galerie an, möglicherweise als jemandes Beauftragte.

Später wurde mir berichtet, die Vorsitzende habe dem Vorstand der Gemeinde gesagt: "Was wird eine Nichtjüdin eine jüdische Galerie gründen? Wir sind hier Juden!" Der Rabbiner schrieb mir: Der Vorstand sage doch, er sei liberal. Die Unstimmigkeit merkte ich auch. Der Rabbiner sprach mir, bevor er den Faden elf Jahre später verlor, seine Hochachtung aus, freute sich sichtlich, er besuchte die Galerie sogar ein Mal. So oder so, klar war: Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde war gegen mich und gegen die Galerie. Ich wurde nach der Haltung des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, sprich jüdischer Macht, der Galerie gegenüber nur einmal nichtjüdischerseits ausdrücklich gefragt. Ansonsten nahm man wohl an, es sei selbstverständlich, dass der Vorstand auf meiner Seite stand, oder man wagte nicht, was man eigentlich sprechen wollte, zu sagen, zu fragen.

Hat die Vorsitzende den Widerstand des Rathauses befürchtet und das Problem mit dem Wort "nichtjüdisch" lediglich überzeugend intern ausgespielt, um der Entstehung eines Konfliktes im Vorfeld vorzubeugen? Befürchtete sie die Schwierigkeiten, die sich beim Bauen der neuen Synagoge einstellen könnten? Wegen meiner Galerie? Wegen der Erinnerung an die Vergasten und Erschossenen? Das Land, aus dem ich stamme, wird in einem jiddischen Lied der größte Friedhof der Welt genannt. An das Land erinnerte die Galerie via meine Abstammung in Verbindung mit dem Wort "jüdisch" tagtäglich. Vielleicht wollte die Vorsitzende selbst daran nicht tagtäglich erinnert werden?

War der Bau der neuen Synagoge wirklich der Grund der Einstellung der Vorsitzenden zur meiner Galerie? Ging sie so weit, dass sie es für richtig hielt, die Ruhe beim Bauen der neuen Synagoge mit dem Schweigen um die Leichen der Erschossenen zu bezahlen? Die Zuneigung der Stadt gegen die Würde der Vergasten eintzuauschen? Während ihre Stimmen Tag für Tag an so vielen Ecken in der Stadt schrien: Wir waren hier? Tat sie es? Wer weiß. Was auch immer es gewesen sei, konnte nichts an der Tatsache geändert werden, dass all die Toten zwar nicht mehr lebten, doch sie versuchten, wie es mir schien, nach wie vor mitzuwirken und da zu sein.

Und ich? Wäre das, was mein Großonkel tat, offenbart, hätte man unsere ganze Familie, manche sagen: das ganze Dorf, erschossen. Ich wäre dort nicht geboren. Ich floh vor Jahren aus der Stadt, aus den Sträuchern, weil es viel wildes Fleisch an meinem Fuß gab. Jemand rief einen Krankenwagen, in der Stadt gab es aber für mich keinen Platz. Ich hatte eine Nagelbettentzündung und einen Leistenbruch. Unter der Brücke, wo ich manchmal schlief, wurde ich einmal mit den Worten "Kugel in deinen Kopf" geweckt, weil ich, vermute ich, vergessen hatte, den Standort im Handy auszuschalten. Sie kamen wohl nicht auf den Gedanken, dass es unter der Brücke einen Vorsprung gab, auf dem ich lag. Wollten sie schießen? Wollten sie mich nur kränken? Später hörte ich das Lied "Kugel in deinen Kopf" noch einmal am helllichten Tage in der Stadt am Flussufer. Der Mann, der es sang, erblickte mich und versteckte sich hinter zwei Frauen. Da ich seit der Operation kaum sitzen und laufen kann, liege ich seit Jahren auf dem Bett einer Wohnungslosenhilfe, ohne den Zugang zum Geerbten. Zu mir kehren die Worte immer wieder, die sich von der Hand eines Dichters eines Tages aufschreiben ließen, um sich, wie ich denke, mir später in einem Buch von Roma Ligocka zu schenken: "Du hast nicht überlebt, um zu leben. Du hast nur wenig Zeit, um Zeugnis abzulegen" (Zbigniew Herbert).

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