Malkuth

Das Spiel hat einen Namen. Es setzt sich aus mehreren Tonsteinen zusammen. Mein Vater zeichnete Quadrate, jeweils drei in drei Reihen. In jeden der Quadrate schrieb er Zahlen ein, die ersten neun. Er zeigte sie mir, als ich noch ein kleines Kind war. Er nannte sie Zahlenspiele. Er sagte, sie seien von früher. Ich lernte darüber nie später. Sechs Jahre nachdem sie verstorben war, und ich jüdisch zu träumen begonnen hatte, erschienen mir die Quadrate erneut. Ich schrieb statt den sogenannten arabischen Zahlen hebräische Buchstaben, sie sind zugleich Zahlen in die Quadrate meines Vaters ein. Dann machte ich Quader an ihrer statt. Auf jedem Würfel gab jeder der neun Buchstaben so jeweils fünf weiteren Raum. Die Quader waren aus Ton.

Ich ritzte zweiundzwanzig Buchstaben auf jeder Seite der neun Würfel in einen angetrockneten, roten Ton ein. Auf vierundfünfzig Würfelseiten kam jeder Buchstabe zwei, dreimal vor. Würfelte man mit den Steinen, ergab jeder Wurf Worte. Man konnte Worte aus den Buchstaben auf den Würfelflächen, die nach oben zeigten, nachdem die Würfel rollten, bilden und sehen. Man konnte Worte suchen und erkennen, sie in die Hand nehmen und bewegen. Wie viele Worte findet jeder in einem Wurf? Wie viele Worte bringt der Wurf eines jeden? Man konnte bekannte Worte finden und unbekannte bilden, prüfen, ob es sie gebe, und nach derer Bedeutung suchen. Man konnte mit den Würfeln noch viel mehr Sachen machen. Sie rollten leise über ein Tischdeckchen und laut über das Holz. Man konnte damit rechnen und Punkte sammeln. Sie tanzten fast. In meines Vaters Quadraten ergaben die neun ersten Zahlen, entsprechend je drei in drei Reihen gelegt, addiert in jede Richtung: waagerecht, diagonal, senkrecht, acht Mal die Quersumme sechs.

Die Würfel lagen eng aneinander im Kästchen in meiner Wohnung im Zimmer auf dem Tisch. Eine Freundin kam zu Besuch und erblickte das Kästchen. Sie nahm es in ihre Hand, bewegte sie langsam und zart und schaute das Ganze lang und aufmerksam an. "Das ist ja irre", urteilte sie dann. Die letzte Anfertigung des Spiels, die mir zugänglich war, wurde gestohlen. Der Tatort war eine Wohnung, eine Küche, ein kleiner Hängeschrank, die obere, linke, hintere Ecke dort. So ist der Lauf der Welt. Hausfriedensbrüche gibt es halt. Das Spiel war ein Geschenk. In der Öffentlichkeit war es nie und nie in meiner Galerie. Die Straftat fand in der einzigen Wohnung in der Stadt, in der ich das Spiel hätte verstecken können.

Manchmal habe ich vor, mich an die Verteilung der Buchstaben auf den Würfelseiten zu erinnern. Die ersten neun haben ihren festen Platz, die übrigen fünfundvierzig waren so verteilt, was auf einmal gelang, dass sie bei einem Wurf viele Worte ergaben. Ich berücksichtigte mehrere Gesichtspunkte dabei. Eine Rolle spielte ein altes Gesetz. Es erschien mir von selbst. Seinen Namen entdeckte ich im Nachhinein in einer Schrift. Sein Name lautet: Atbasch-Prinzip.

Manchmal habe ich Lust, die Würfel nochmal zu formen, zu kneten, damit sie wieder da sind und sprechen. In die rötlichen Flächen die Zeichen einritzen, das Ganze im Brennofen hart werden lassen, den Alef und seine Gefährten aus dem Grab ziehen, noch einmal auf die Beine stellen. Soll ich sie besser verstecken? Einsperren? Ich denke, sie haben Seelen. Ich würde sagen: Sie sprechen. Sie entstammen dem Schoß unserer Mutter, der Erde. Das Wort Bätyl ist ein Gast im Deutschen, ein Fremder, wie ich auch, wie jeder Ausländer, wie alle Gäste auf Erden.

Sollten die Buchstaben einen anderen Namen zum Schutz vielleicht tragen? Sie werden zur Zeit hebräische Schrift genannt, doch ihrer alten Herkunft wegen auch ketuw aschurit oder chaldäisch, soweit ich weiß. Das Spiel selbst hieß Malkuth. Nach dem Diebstahl machte ich es aus einer grauen Masse ein  einziges Mal nach. Ich ließ es nicht brennen. Das Spiel sieht jetzt blass aus, ich habe es ständig bei mir, das tonrote Spiel wurde gestohlen.

Ins Innere des Würfels lässt sich ein Davidstern einschreiben. Im Davidstern lässt sich jeder Buchstabe des hebräischen, chaldäischen,  Alphabets sehen. Ich kann nichts dafür. In jedem Würfel lässt sich jeder Buchstabe des ketuw aschurit, der hebräischen, chaldäischen, gar urartäischen oder ich weiß nicht wie sonst, genannten Schrift, im Davidstern sehen. Was kann ich tun? Gilt es, es Lo Shu zu nennen? Würfel kann man nicht stehlen. Ich werde sterben, Würfel wird es geben.

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