Jesus wurde gesteinigt

Er hat die Steinigung überlebt. Die Geschichte liegt mir am Herzen. Es hat in meinem Leben eine Zeit gegeben, wo eine Frage stets durch meinen Kopf ging. Ich versuchte sie zu verscheuchen. Sie kam zurück. Ich glaube an Wiedergeburten. Ist Jesus heute inkarniert und lebt vielleicht irgendwo? Die Frage kam nicht mehr auf, nachdem ich das gehört hatte, was er sagte. Er saß bei mir auf einem Sessel, dem einzigen, den ich hatte. Ich erzählte, dass ich, seit meine Schwester nicht mehr lebte, oft jüdisch träumte. Die Träume seien wie sich ergänzende, aneinanderreihende Sequenzen. Er sagte, er habe nur einen jüdischen Traum gehabt, er sei eine Art Rabbi gewesen. "Sie waren Jesus", sagte ich. "Ja". Er schwieg. "Ich wurde gesteinigt. Ich habe die Steinigung überlebt".

Von meinem Bücherregal nahm ich eine der Übersetzungen des Talmuds. Ich klappte auf und las vor: Steinigung Jesu. Ich kannte die Stelle nicht. Es war, als ob sie zu uns, in unsere Träume, fand. Er sagte, es gebe im Judentum ein Gesetz, dass die Strafe nicht wirke, wenn sie einen Unschuldigen trifft. Ich kannte das Gesetz in Bezug auf Ehebruch. Ob es allgemein galt, habe ich nicht überprüft. Ich fragte ihn später einmal, wir duzten uns schon wohl, wo er es denn her wisse, er sei nicht getötet worden? "Weil es aufgehört hat", sagte er, "Ich lebte".

Ich wollte an eine Zeitung schreiben. Sie zählte Möglichkeiten auf: Jesus wurde gesteinigt, er starb. Jesus wurde gekreuzigt, er überlebte. Jesus wurde gekreuzigt, er starb. Welche Möglichkeit gäbe es noch? Ich schrieb nicht. Bevor er starb, sprachen wir immer wieder darüber. Die Kreuzigung, um die es ginge, habe es doch gegeben, meinte er eines Tages, ein anderer sei an seiner statt gekreuzigt worden, so sage man im Islam. Ich las: Zu jener Zeit steinigte man oft, viele überlebten.

Ein oder zwei Jahre, ich weiss es nicht genau, bevor er starb, bei Worten wie diese verliert sich die Zeit, im Kopf wird etwas steif, der Zusammenhang verlor sich auch, sagte er, bevor er aus dem Leben schied, er werde vor mir sterben, er werde an Herzinfarkt sterben. Später sagte er das noch einmal: Ich werde vor dir sterben. Er starb vor mir. Auf seinem Sarg lagen mein Davidstern und weiße Rose einer Nachbarin. Er starb an einem Herzinfarkt. War er tatsächlich eine Inkarnation von Jesus? Nahm sein Ich die Botschaft, Jesus sei gesteinigt worden und habe die Steinigung überlebt, lediglich auf sich im Traum? Stellte er sein Ich dafür bloß zur Verfügung?

Solche Fragen zu beantworten, steht mir nicht zu. Es übersteigt meine Kräfte. Ich habe ein Grab zweier Erschossener geerbt. Sie hielten sich zwei Winter lang am Waldrand meiner Großeltern in einer Erdkuhle versteckt. Sie wurden denunziert und gleich am Morgen des darauffolgenden Tages erschossen. Sie wurden dort begraben. Sie hätten überlebt, hat mein Großonkel gesagt, es war ein Monat vor der Befreiung. Ein zwölfjähriger Junge legte zwei mittelgroße Feldsteine auf die Stelle. Der Junge wurde später mein Vater. Solche Gräber gibt es viele dort. Die Steine liegen noch.  

Die Geschichte von den Steinen endet nicht hier. Der Junge, der die Steine auf die Stelle legte, änderte sich später. Er wurde ein erwachsener Mann und heiratete eine Frau. Sein erstes Kind war ich, sein zweites Kind war meine Schwester. Als er am Sterben war, konnte ich nicht zu ihm fahren. Eine jüdische Frau war nicht lange davor im Heiligen Land, wie ein Teil der Welt es nennt. Sie brachte mir Steine von dort. Es gab sie in zwei Farben. Die roten waren von den Säulen Salomons, die weissen vom Grab des Herrn, wie sie sagte. Zwei davon, einen roten und einen weißen, schickte ich meinem Vater. Ich fragte nicht nach, ob sie ankamen. Vielleicht hat er davon, erst nachdem er verstorben war, erfahren?

Mein Vater bestätigte, die zwei Feldsteine an das Grab der Erschossenen gelegt zu haben. Als er eines Tages aus der Kirche kam und ich bereits ein Jahrzehnt wohl auf der Welt dort war, sagte er, während er die Anzugjacke in seinen Händen hielt, um sie aufzuhängen, er musste ja bald in den Stall, dass alles auf Fälschung in der Kirche stehe. Jesus starb nicht am Kreuz, denke ich heute. Und ich frage mich wegen Träume:  Überlebte Jeschu die Steinigung doch, wurde aber von der Schuld, von der im Judentum großen Sünde, da er laut Talmud Israel verführte, von den Gelehrten nicht freigesprochen? Gibt der Talmud nicht zu, dass Jesus bei der Steinigung nicht verstorben sei, um nicht zuzugeben, dass die Strafe durch Steinigung aus einem nicht wirklichen Grund angewendet wurde? Es bedeutete ja zuzugeben, dass Jeschu Israel nicht verführte.

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