Odin und Prija


10538.jpg


Damit habe ich nicht gerechnet. Odin sei ein slawischer Gott. So sagen die Inglinger, die Altgläubigen, in Russland. Dann leuchtete mir ein. Das Wort Odin wird täglich dort verwendet, mit O geschrieben, mit A ausgesprochen. Odin, один, bedeutet Eins, one, im Russischen. Die Gattin des Odins ist berühmt und heißt Freya, wie seit langem an vielen Orten bekannt. Im slawischen Sprachraum wird sie Prija genannt. Klar ist: Freya, die Frau, die Hüterin der Familie, lebt beim Ersten, bei Odin, Один, bei ihrem Mann, wobei Odin Jedin, Един, bis zur Zeit des Peters des Großen, dem sogenannten, dem falschen, geheißen haben soll. Jeden sagt man für eins bis heute in Lechland.

Ich lebe seit langem im deutschen Sprachraum. Zu meiner slawischen Muttersprache bekannte ich mich zu dem Beginn des Krieges in der Ukraine. Wird Odin sich an seinen eigenen alten Namen, vielleicht sogar an den slawischen Namen seiner Gattin, eines Tages ebenso in Folge des einen oder anderen Krieges erinnern? Im deutschen Sprachraum wird das Slawische oft totgeschwiegen, verachtet, man sagt, sei es hart, völlig fremd, es wird getan, als sei es nicht der Rede wert, ja sogar, als ob es es gar nicht gäbe. Ich halte es nicht mehr aus. Was Odin dazu denkt, kann ihn jeder selbst fragen. Ich mag keine Verachtung, egal wen sie trifft. Ich weiß nicht, weswegen ich mich wegen meiner Eltern schämen sollte, statt ihnen für die Sprache, die sie mir beigebracht hatten, dankbar zu sein, und auch anderen meinen Ahnen. Ich konnte dank der Sprache in der Welt, in die ich als Kind kam, mit meinen beiden Puppen, meinen Eltern, dem Himmel, den Tieren und den Bäumen in Kontakt treten.

Mir kommen manchmal Gedanken in den Sinn, jemand wollte die Germanen von seinen Wurzeln, seinen Ahnen, trennen, die offensichtlich der slawischen Wirklichkeit in nicht geringem Maß angehören. Handelte jemand so, um Menschen, die so nah beieinander lebten, zu entfremden? Um reich zu werden? Um zu herrschen? Man beachte die vielen Orts-, Berg-, und Flussnamen in Ostdeutschland, in Franken, den Triglav und andere Ausgrabungen. Die slawischen Worte beinhalten spirituelle Botschaften, wie die Zeichen auf den alten Bettüberwürfen einer meiner Großmütter. Es gibt keinen wirklichen Grund, die Sprachen aus der Welt auszumerzen, der sie offensichtlich angehören. Die slawischen Sprachen veränderten sich, sagen manche, seit zweitausend Jahren kaum. Man kann es verurteilen, man kann versuchen, es wertzuschätzen, sie als einen alten Tresor zu erkennen. Er birgt womöglich manches, was in dem Romanischen und Germanischen verloren ging, immer noch in sich nach wie vor.

Ich zweifle nicht daran, dass Worte wie hebel, krajzega aus dem Deutschen: Höbel, Kreissäge, zusammen mit den Gerätschaften ins Polnische kamen. Doch es gibt sehr viele andere Worte in den germanischen oder romanischen und in den slawischen Sprachen, die einander sehr ähneln. Schein und sijan, сиян, Milch und mleko, Herz und Hrudi (Brust, hart, stolz), ogre und ogrom, und viele, viele andere. Kamen all diese Worte aus dem Deutschen oder Lateinischen ins Slawische? Das kann kaum sein. Wie sollte die große Anzahl der Worte, die sich im Stamm ähneln und im Alltag gebraucht werden, ohne die Urverwandtschaft, zustande gekommen sein? Bis nach Sibirien und Ural?

Vor nicht allzu langer Zeit schickte ich jemandem ein russisches Lied. Er schrieb zurück, es liege jenseits seiner Sprachkenntnisse, er könne es gar nicht verstehen. Wenige Tage später widersprach er meiner Behauptung, die slawischen und die germanischen Sprachen hätten viel gemeinsam. Er sagte, die östlichen Sprachen seien ganz anders aufgebaut als die westlichen. Er verhielt sich wie viele andere Menschen im Westen. Sie kennen keine einzige slawische Sprache, glauben aber zu wissen, was die Wurzeln sind, die Struktur. Mir kommt es nicht selten vor, als wiederholen sie jemandes Urteile, ohne in Betracht zu ziehen, dass die Urteile im Wesentlichen nicht von Inhalten, die die Sprachen betreffen, herrühren können, sondern wurden aus anderen Gründen formuliert und verbreitet. Um zu trennen? 8In Russland werden die westlichen Sprachen "neue Werke" immer wieder genannt. Sie werden, anders als das Russische im Westen, in den Überlegungen über Sprachen im Alltag dort nicht ausgegrenzt und sie werden gelernt.

Am Anfang wurden Ihre Hoheiten Odin und Freya vorgestellt. Es wird Zeit, dem Paar ein wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Lassen wir die Sprachen sein, und alles andere auch. Odin und Freya scheinen eine Art unserer spirituellen Eltern im ganzen östlisch-westlichen vedischen Raum zu sein. Der Name Odin wird mit O geschrieben, die Zahl eins im Russischen, wie gesagt, mit A, adin, nicht mehr jedin, und mit O wird der Name des Gottes ausgesprochen. Peter der Große, der Falsche, der das Wort Odin einführte, soll derjenige gewesen sein, so nicht wenige Stimmen in Russland, der aus dem Westen nach Russland kam, während der Echte als der mysteriöse Häftling mit Maske in Bastille saß und sein Volk, das Altrussische, nie hasste. Der falsche Peter der Große sei größer als der Echte gewesen, habe ein Muttermal gehabt, schlechtes Russisch gesprochen, und so weiter.

Odin hat seinen eigenen Stern am Himmel, den Mercurius. Wednesday heißt mercoledì, mercredi, dies Mercurii, in den romanischen Sprachen. Erhielt der Stern seinen Namen nach einem Wochentag? War es umgekehrt? Wurde der Wochentag nach dem Stern des Odins genannt? Vielleicht aber ist der Name Odin mit dem Wort Wasser verwandt, deshalb heißt er im deutschen Wodan? Denn woda heißt Wasser in den slawischen Sprachen, und Wednesday, Mittwoch ist der Tag des Wotan in der Welt der Germanen. Mittwoch, der Tag des Wodans, heißt "Tag des Wassers" im Japanischen. Ich meine es ernst. Es gibt Parallelen in der japanischen und in der slawischen spirituellen Welt.

Nun aber zum Namen Ihrer Göttlichen Hoheit, Odins Frau. Der Name Prija wurde bereits im alten Hochdeutsch nicht mehr wie früher gesprochen, wie manche anderen Worte auch. Aus P wurde F, aus Prija Freya, aus prei wurde frei, und so weiter. Im slawischen Sprachraum, wo manche Entwicklungen ausbleiben, wird das Wort prei, pri, nach wie vor P, wie im alten Indogermanischen, ausgesprochen. P ging in F nicht über. Aus dem Wort Prija, Прия, ist das Wort Freya nie geworden. So viel zur Schreibweise des göttlichen Namens.

In manchen slawischen Sprachen, im Einzelnen seien sie hier nicht genannt, denn es gibt viele, und im Russischen ohnehin heißt prei, pri bei oder nahe immer noch. Prija gilt als Göttin der Familie, der Ehe, des Frühlings. Warum? Es gibt im slawischen Sprachraum Worte wie priroda, prijazn, im Englischen gibt es das Wort root, Wurzel, im Lateinischen radix. Rod ist ein wichtiger slawischer Gott. Rod bedeutet Geschlecht, rodina Familie, im Russischen allerdings nicht, oder vielleicht nicht mehr, im Russischen heißt rodina, родина, nicht Familie, sondern Vaterland, im Übrigen gibt es viele Worte mit dem Stamm rod auch dort. Roditjeli sind Eltern, rodzić heißt Gebären, źródło Quelle, und priroda Natur, und so weiter in der einen oder anderen Sprache. Root im Englischen und radix im Lateinischen bedeuten im Grunde genommen das gleiche.

Roden heißt vernichten im Deutschen, das ist aber, ich vermute es sehr, wie auch im Fall der Worte frei und prei, eine andere, traurige slawisch-baltisch germanische Geschichte, es sei denn, eine heidnisch-christliche, die auch auf Worte ihren Einfluss nahm. Beiden Worten wurde möglicherweise eine Bedeutungsänderung ins Gegenteil aufgezwungen. Den Tschechen und Polen warf ein germanischer Autor vor, wenig im Vergleich zu Russen aus dem slawischen Gut gerettet zu haben. Ihm schienen sowohl die Meinung, dass die östlich-christliche Kirche weniger streng war im Vernichten als die westlich, und auch, dass ausgerechnet Deutsche keineswegs wenig zur Vernichtung des vedisch-slawischen, sowohl in Tschechien als auch in Lechland beigetragen haben.

Pri bedeutet den Ort, bei etwas oder jemandem zu sein, ja heißt ich, und prijazn, Freundschaft. Im Sanskrit soll Prija eine freundliche Frau bedeuten. Im Russischen heißt Priroda beim Rod, bei den Wurzeln, bei dem was sprießt, entsteht, beim Geschlecht, bei Phallus, bei der Familie, bei rodina, beim Stamm, bei Odin, beim Einen sein. Prija ist ein Mädchenname in Indien, Sri Lanka, und in ein paar anderen Ländern. Die slawischen Sprachen, am meisten wohl ein nordrussischer Dialekt oder das Litauische, ähneln Sanskrit sehr. Manche behaupten, bis zu drei Viertel des Wortschatzes seien die gleichen Worte. Hinzu kommen die Endungen und so weiter. Beim Betrachten der Sprachen, beim Hören fällt auf, dass viele Worte identisch in all den genannten Sprachen sind.

Nicht nur Odin, Wodan, oder Jedin hat einen Tag in der Woche, den Mittwoch, und einen Stern am Himmel, den Merkur, auch Prija hat sie. Skandinavier sollten Prija Frija Wanadis genannt haben, die Frija der Veneten, der Vannen. Hier stehe ich vor einem östlich-westlichen Dilemma mal wieder. Denn im westlichen Schrifttum wird so getan, als hätte es den Prinzen Skand, der mit Odin und Prija in den Norden ging, nie gegeben, soweit ich weiß. Existierte er in der Tat niemals? Gibt es auch im Westen über ihn Schriften, bloß unzugänglich? Dem Stern, der das Weltgeschehen mitlenkt und gut am Himmel zu erkennen sei, habe Frija Wanadis ihren Namen gegeben, daher heißt er Venus, sagt man an vielen Orten in der Welt der geschriebenen Worte. Freitag, der fünfte Tag, der Tag der Freya wird in den romanischen Sprachen vendredi, venerdi, dies veneris, der Venus-Tag genannt.

Soweit Enthüllungen anhand alltäglicher Worte. Ihren Namen teilt Prija mit Mädchen, Freya mit einem Wochentag und Frija Wanadis mit einem Stern. Ihrem Wesen nach blieb Freya Prija sehr ähnlich. Sie blieb bei Odin. Sie ist nach wie vor die Göttin des Glücks, der Nähe, der Familie, des Frühlings, der Ehe, und der Natur. Mittlerweile allerdings nicht nur. Ihr Name wird als Bezeichnung der einen oder anderen Firma gebraucht. Es gibt Prija Lampen, Seifen und Shampoos, wie einst Lada-Autos. Ich halte mich davon fern. Zum einen vertrage ich keine Parfums, die Wangenhaut wird davon rötlich gereizt, sie brennt, zum anderen erinnerten mich die Worte, die Dufte seien himmlisch und mysteriös, in der Werbung der Seifen-Firma einerseits an die Götterwelt, und andererseits an das Buch von Patrick Süskind "Das Parfüm", an Verbrechen, an Unheimliches in der Welt.


Genug für heute. Die Frage, ob es eine Fortsetzung geben wird, kann ich nicht beantworten, denn ich schreibe jeweils das, was im Moment geschrieben werden will, wenn überhaupt. Ich mute mir außerdem nicht zu, alle Fragen der Welt beantworten zu können, sondern nur einige wenige. Manchmal kann ich, ich gebe zu, dem Drang nicht widerstehen zu schreiben, eher aber, um Sprachräume zu schaffen, um Worten die Gelegenheit zu geben, sich hin und wieder zu reimen, als um Wahrheit zu suchen. Ich bin nicht imstande so zu tun, als sei sie zu finden, geschweige denn, als sei es erlaubt, sie im Ganzen der Welt zu offenbaren.

In Fragen wie Freya und Odin liegt es mir umso mehr fern, einen Punkt setzen zu wollen. Wäre der Punkt größer als alle bereits vorhandenen Texte zu Odin und Freya zusammengenommen, gäbe es in der Frage keine Sicherheit immer noch. Sterbe ich, werden die Menschen ohne mich weiterdenken und suchen, wie Odin und Freya, Jedin und Prija, und viele andere Götter und Göttinnen vor Jahrtausenden in dem östlich-westlichen europäischen Raum, sowie auf dem ganzen vedischen Erdenrund in Wirklichkeit sind, waren, hießen und heißen. Die Menschen suchten danach ja bereits, bevor ich geboren wurde, in ihren Träumen.

²⁰²³

Bild:

© Vito Technology, Inc.

https://starwalk.space/ru/news/september-2019-mercury-venus-close-approach

Texte:

https://pnovicoff.livejournal.com/34957.html
https://pl.m.wikisource.org/wiki/Sztuka_u_S%C5%82owian,_szczeg%C3%B3lnie_w_Polsce_i_Litwie_przedchrze%C5%9Bcija%C5%84ski%C3%
https://drive.google.com/file/d/10qeF7wLyRIA4wZlecZz-8m3_y6AEp_xT/view?usp=drivesdk