Sprechen Sie Deutsch?

Ich erinnere mich, ich hörte einerseits, bevor ich Deutsch zu lernen begann, Deutsch sei sehr schwierig, andererseits, während ich bereits schon Deutsch sprach und in Deutschland lebte, gab man mir wiederholt zu verstehen, das Polnische sei dem Deutschen sehr fremd. Ich sah es im Laufe von dreißig Jahren nicht selten in Gesichtsausdrücken, sobald ich meinen slawischen Vornamen nannte, und mein Gegenüber versuchte, ihn auszusprechen. Die Schwierigkeiten, den Vornamen auszusprechen, können nicht wirklich für diejenigen sein, die solche Worte wie Garage, Vernissage, Massage, Montage, Assemblage, Étage täglich und viel länger als nur seit gestern gebrauchen. Jemand dachte mal, der Vornamen sei französisch, für Französin hielt man mich im ersten Augenblick so gut wie immer, und es ging wie am Schnürchen. Verwundert merkte ich, dass es plötzlich nicht die geringsten Schwierigkeiten gab, das trockene und harte “ż” auszusprechen für die Menschen, die fähig seien, lediglich schöne und weiche Laute von sich zu geben, da die slawischen Sprachen als hart im germanischen Westen erachtet werden, wie umgekehrt allerdings auch die germanischen, insbesondere das Deutsche, im slawischen Osten.
Die slawischen Sprachen sind ganz anders aufgebaut als die westlichen, schrieb mir jemand, der kein einziges Wort aus einem einfachen russischen Lied verstand, das ich ihm schickte, worüber er mich allerdings gleichzeitig auch unterrichtete. Offensichtlich wiederholte er das, was er von anderen hörte. Wäre er in der Lage gewesen, selbst wenn er der Falschheit der wiederholten Meinung gewahr geworden wäre, den anderen zu widersprechen? Gab es in der Umgebung Raum, andere Ansichten diesbezüglich zum Ausdruck zu bringen, ohne sich ernsthaft der Gefahr auszusetzen, spöttisch belächelt, gar aus der Gemeinschaft ausgeschlossen oder totgeschwiegen zu werden?
Keine der slawischen Sprachen, der Sprachen der sogenannten Wildnis, gehörte zu den Hauptsprachen des Heiligen Römischen Reiches, der Sprachen des westlichen Christentums. Verstärkt begann die anti-slawistische Propaganda wohl etwas vor über drei Jahrhunderten in Deutschland, vielleicht im Zusammenhang mit Umwandlungen in England. Kinder aus den Mischehen schämten sich ihrer Abstammung, verheimlichten sie gar, sprachen darüber verstohlen und viel zurückhaltender als zum Beispiel in Frankreich. Ich sah die Verachtung in den Augen bei lediglich Erwähnung der Slawischen vielmals. Manchmal wurden die Gesichtszüge steinhart.
Seit ungefähr zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Jahren ändert sich etwas. Es werden doch Aussagen geltend gemacht wie: die Wurzel Deutschlands sind zu einem drittel slawisch, auf den Gebieten Deutschlands gibt es viele slawische Orts-, Flur-, Fluss-, Seen-, Gewässer-, Berg- und Waldnamen, gefunden wurde Triglaw, ohne dass man wusste, was es sei, und slawische Schläfenringe. Darüber wurde nicht laut gesprochen, doch die Scham war nicht so groß, dass man darüber schwieg, oder nur vorsichtig sprach, in sicherer Gesellschaft, wie zum Beispiel in meiner, wegen der Herkunft.
Man kann auf die eine oder andere Art und Weise wiederholt zu verstehen geben, dass das, was die germanische und die slawische Welt voneinander trennt, das ist ein quer und durch bodenloser Abgrund. Ganz klar und überzeugend eine solche Haltung zu begründen, ist allerdings nicht möglich. Gemeinsame Wurzel beider Welten gibt es offensichtlich. Wodan, oder Wotan, wie den skandinavischen Odin die westlichen und südlichen Germanen nennen, ist ein Gott unter anderem der Runen, und Perun, wie die Oma von Winicjusz Kossakowski sagte, ist die Kraft die gruny im Himmel schafft. Mit dem ersten Donner im Frühjahr bewirkte Perun, dass die Erde zu grünen begann, oder immer noch bewirkt, da sie immer noch jährlich grünt, und das Wort grün stammt direkt von gruny Peruns. Freja, oder Frîja, die Frau Wodans sowie Odins, ist die slawische Göttin Lela, auch Prija genannt, die Kraft, die, die Peruns Kraft begleitend, die Erde mit Regen gießt, ihr Wasser (woda) gibt, damit sie grünt und gebiert. Derartige Ähnlichkeiten gibt es viele im alten Glauben und in den alten Bräuchen, in Sprichwörtern beider Völker.
Aber wir kehren zur Sprachen zurück, zum Polnischen und Deutschen. Auch sie, den uralten Bräuchen oder Glauben ähnlich, erweisen sich als nicht in dem Grade fremd wie, beim Betrachten ihrer Oberfläche lediglich, nicht selten aus dem einen oder anderen Grund behauptet wird, sei denn gar tatsächlich zu sein scheint. Außer dem bekannten grimmschen Gesetz, wo “b-d-g” entspricht “p-t-k” wie in den Wörtern Äpfel und jabłko, sowie “r - s” in anderen, gibt es offenbar mehr Regelmäßigkeiten, die an einzelnen Worten beobachtet werden können. Sie zeigen die Nähe der sich angeblich völlig fremden Sprachen. Manchmal ist es lediglich die Schreibweise, wie in den Wörtern Grund und grunt, ein anderes Mal wiederum fehlt ein Laut, wie in den Wörtern chwila und Weile, dann wieder wird ein Umlaut sichtbar wie in Dorn und cierń (d - t - c, ie - o). Manchmal, wie in den Wörtern Milch und mleko, Wachs und wosk, oder Arbeit und robota haben die Laute ihre Plätze vertauscht, vgl. auch Möhren und Süddt.: Mäjren. Ähnlichkeiten kann man auch am Beispiel der Laute “b” und “w” oder “f” erkennen, wie in den Wörtern barwa und Farbe, oder k und ch in den Wörtern mucha und Mücke, und so weiter. Manchmal gibt es ein paar solche ein wenig verschiedene Laute neben ein paar verschiedenen Selbstlauten in einem Wort.
In der Zeit vollzieht sich manchmal die Verschiebung der Bedeutung eines Wortes, wegen der Entfernung der Sprecher voneinander und dem nicht stattfindenden Austausch, wo die einen die Bedeutung verändern, und die anderen die alte bewahren, oder sie auch verändern, anders aber als ihre näheren oder weiteren Nachbarn. Doch die Bedeutung bleibt dieselbe im Kern in allen diesen Fällen. Eine solche Verwandtschaft weisen zum Beispiel die Worte: ryba und niebo - Fisch und Himmel - gąsienica und mgła - Raupe und Nebel.
Man kann also, vergleicht man die polnischen und die deutschen Worte und berücksichtigt dabei Regelmäßigkeiten bei den Unterschieden in der Aussprache der Laute, viele sehr ähnliche Worte in beiden Sprachen entdecken. Es ist, als seien es dieselben Worte, anders, so zu sagen, in Klang oder Zeichen gekleidet, oder auf etwas Anderes, urbildlich Verwandtes, in ihrer Bedeutung bezogen. Im folgendem Verzeichnis eines Teils dieser Worte folgt unmittelbar auf ein deutsches Wort seine polnische Entsprechung, während weitere Worte die Bedeutungsverschiebung oder die Veränderung der Aussprache der Laute veranschaulichen:
machen robić machać machanie (winken) Laib chleb kołobok колоба kłąb (Ballen) Ahd.: hleib glatt gładki ład laden ładować ładzić ładować ładnie dokładnie dłoń (ładoń ладонь Hand) glätten gładzić blaß blady Raupe gąsienica (ryba Fisch) Zug pociąg ciąg hart gruda Hain gaj choina Land kraj ląd wissen/Wissen wiedzieć/wiedza, веда, wjeda, Sanskrit: Veda Wasser woda Treppe drabina trop Steg hat viele Bedeutungen, und einen gemeinsamen Kern mit ścieżka (Pfad) Vater ojciec baćko derjenige, der schaut, aufpasst, schützt, vates > Watykan, Aufseher) steht stoi Stulpe słup stołp (Pfahl) Nebel mgła niebo (Himmel) Boden ziemia swoboda (Freiheit swoja ziemia eigener Boden Bodenfreiheit) Wille wola wollen chcieć woleć müssen musieć Nase nos Nacht noc Stern gwiazda (indoeuropäisches oder arisches Farsi: Ester, Lat.: astra, -ae, Poln.: ostra, scharf) viel wiele sitzt siedzi liegen leżeć leżenie stecker wtyczka styk Korn ziarno korzeń (Wurzel) Farbe barwa (b > f jak w Vater i baćko, w > b) Braue brew (altsächsisch: brāwa) Auge oko leicht lekko klopfen stukać pukać (kłapać) küssen całować kąsać (beißen) rennen biec ronić runo Dorn cierń klicken wołać klikać (rufen) Reizkehr rydz rudy ryży essen jeść jedzenie mild łagodny milutki kurz krótki werden stawać się wiercić (się) lieben miłować lubić (mögen) kleiden ubierać kłaść (kładka) Ei jajo Strom prąd strumień (Bach) Weile chwila weil ponieważ (eine Weile, die man brauchte, um über eine Erklärung nachzudenken) drei trzy Weib kobieta baba Mensch człowiek mężczyzna (Mann) Leute ludzie ist jest ißt je essen/Essen jeść/jedzenie kaufen kupić kupa (Haufen) Mücke mucha suchen szukać szukanie Kante krawędź (kąt Winkel Ecke) Gast gość Büchse pojemnik bóg (Gott) błogość (Glückseligkeit) bogactwo (Reichtu siła (Kraft) böse zły bies (Altslawisch: běsъ, gut oder böse, war stark, schnell, machte Angst, litauisch: baisùs erschreckend) Milch mleko, russisch: молоко Welle fala krótki kurz Apfel jabłko Hütte chata
Die Ähnlichkeit also der beiden Sprachen beim Schauen unter die Oberfläche der Bedeutungen und Laute oder Zeichen des einen oder anderen Wortes sieht man sozusagen mit bloßem Auge. Die Abstammung der Worte: Wer ist der Vorfahre? Wer ist nachgekommen? Was sind die Wurzeln des einen oder des anderen Wortes? ist damit nicht geklärt. Die Antwort auf solche Fragen erscheint für hier und jetzt vorerst nicht unbedingt notwendig. Sinnvoller wäre vielleicht die oben genannten deutschen Worte mit ihren polnischen Nachbarn, noch einmal anzuschauen, noch einmal zu sehen, worin sie sich im Schreiben, Klang oder Bedeutung ähneln, und dann sie alle oder paar davon für eine Weile zu merken.
2025
Bezüge:
https://www.scribd.com/document/831429136/Winicjusz-Kossakowski-Polskie-Runy-Przemowi%C5%82y-2011
https://xn--frnkischeswendland-mtb.de/.cm4all/uproc.php/0/FWL%207.1.21%20.pdf?cdp=a&_=176dca056f1
https://pl.wikisource.org/wiki/Mi%C4%99dzy_ustami_a_brzegiem_puharu/XI